Vier Ecken für ein Stadion statt soziale Sicherheit
Kostensteigerung beim Stadionausbau bestätigt Warnungen der Linksfraktion in Essen – während soziale Angebote und Jugendhilfe unter Druck geraten
Am 02.07.2025 hat der Rat der Stadt Essen den Ausbau des Stadions an der Hafenstraße beschlossen. Bereits damals haben wir davor gewarnt, dass die veranschlagten Kosten von 27 Millionen Euro für den Ausbau der Stadionecken kaum realistisch sind und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eingehalten werden können.
Unsere damalige Gruppenvorsitzende und heutige kulturpolitische Sprecherin sowie Ratsfrau Heike Kretschmer erklärte bereits während der Debatte: „Zwar gibt es jetzt mit der neuen Vorlage einen Preisdeckel von 27 Millionen Euro für das Projekt, aber ob sich die Realität an den Ratsbeschluss hält, erscheint uns doch sehr fraglich. Wir müssen regelmäßig bei fast allen Projekten trotz Preispufferkalkulation zusätzliche Mittel beschließen. Die Kostenschätzungen werden teils massiv überschritten.“
Schon damals hielten CDU, SPD und die übrigen Befürworter an ihren Plänen fest. Heute zeigt sich: Unsere Warnungen waren berechtigt.
Bereits ein Jahr nach dem Ratsbeschluss und noch bevor überhaupt der erste Spatenstich erfolgt ist, sollen die Kosten des Projekts erhöht werden. Die entsprechende Vorlage wird am 01.07.2026 im Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss beraten und anschließend dem Rat zur Beschlussfassung vorgelegt. Dass es noch vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten zu einer Kostensteigerung kommt, ist ein politisches Armutszeugnis. Es zeigt, wie wenig belastbar die ursprünglichen Kalkulationen waren und wie leichtfertig Millionenbeträge beschlossen wurden.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach den politischen Prioritäten dieser Stadt. Denn während für den Stadionausbau immer neue Millionen bereitgestellt werden sollen, stehen zahlreiche soziale Angebote in Essen unter massivem Druck. Förderungen werden gekürzt, Projekte stehen vor dem Aus, offene Stellen können nicht nachbesetzt werden und Träger sozialer Arbeit kämpfen um ihre Existenz. Besonders betroffen sind ausgerechnet die Bereiche, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar sind: Jugendhilfe, soziale Beratung, Integrationsarbeit, Armutsbekämpfung sowie Kultur- und Bildungsangebote.
Liesa Schulz, Co-Fraktionssitzende der Fraktion Die Linke im Rat der Stadt Essen, kritisiert:
„Oberbürgermeister Thomas Kufen macht einmal mehr deutlich, wo die Prioritäten dieser Stadtspitze liegen: Für Prestigeprojekte werden Millionen mobilisiert, während soziale Angebote um ihre Existenz kämpfen. Und die SPD stellt sich dabei natürlich mal wieder als verlässlicher Steigbügelhalter zur Verfügung. Wer Kürzungen bei Jugendhilfe, Sozialarbeit und Beratungsangeboten hinnimmt, gleichzeitig aber immer neue Mittel für den Stadionausbau bereitstellt, setzt die falschen Prioritäten und das zulasten der Menschen in unserer Stadt.“
Oft wird eingewandt, der Stadionausbau und soziale Angebote würden aus unterschiedlichen Haushaltstöpfen finanziert und könnten deshalb nicht miteinander verglichen werden. Formal mag das richtig sein. Politisch greift dieses Argument jedoch zu kurz. Denn unabhängig davon, aus welchem Budgettopf die Mittel stammen, handelt es sich immer um öffentliche Gelder, über deren Verwendung politische Mehrheiten entscheiden. Jeder Euro, der für ein Projekt bereitgestellt wird, ist Ausdruck einer politischen Priorität. Wer Millionen für einen Stadionausbau mobilisieren kann, aber gleichzeitig Kürzungen im sozialen Bereich hinnimmt, trifft eine bewusste politische Entscheidung.
Gerade in Zeiten knapper Kassen muss sich kommunale Politik daran messen lassen, welchen gesellschaftlichen Nutzen ihre Investitionen stiften. Ein Stadionausbau mag für einen Teil der Bevölkerung wünschenswert sein. Jugendhilfe, soziale Infrastruktur, Bildungs- und Beratungsangebote sind dagegen keine Frage des Wunsches, sondern Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Chancengerechtigkeit und soziale Sicherheit.
Hinzu kommt, dass Rot-Weiss Essen erst vor Kurzem erneut durch die Berichterstattung des ARD-Magazins Monitor bundesweit mit rechtsextremen Strukturen und einem zunehmenden Rechtsruck in Teilen der Fanszene in Verbindung gebracht wurde. Die Vorwürfe sind keineswegs neu. Seit Jahren berichten antifaschistische Initiativen, Fanprojekte, Journalist*innen und engagierte Fans über rechte Netzwerke, rassistische Vorfälle und Einschüchterungen im Umfeld des Vereins.
Statt die Problematik endlich konsequent anzugehen, entsteht immer wieder der Eindruck, dass Verantwortliche die Dimension des Problems herunterspielen oder sich hinter allgemeinen Distanzierungen verstecken. Wer Rassismus und rechte Strukturen wirksam bekämpfen will, muss zunächst anerkennen, dass sie existieren. Genau daran fehlt es aus unserer Sicht bis heute.
Dabei leisten viele antifaschistische und antirassistische Fans seit Jahren wichtige Arbeit und stellen sich rechten Entwicklungen entgegen. Sie verdienen Unterstützung statt Relativierung. Solange Rot-Weiss Essen nicht glaubhaft zeigt, dass gegen rassistische und rechte Strukturen im eigenen Umfeld konsequent vorgegangen wird, bleibt die Frage berechtigt, warum die Stadt bereit ist, immer weitere Millionenbeträge in den Ausbau des Stadions zu investieren.
Wer zusätzliche öffentliche Mittel fordert, muss sich auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Dazu gehört, Rassismus und Rechtsextremismus nicht als Imageproblem zu behandeln, sondern als reale Gefahr für Menschen in dieser Stadt.
Die Debatte um den Stadionausbau ist deshalb weit mehr als eine Frage von Beton, Stahl und Zuschauerplätzen. Sie ist eine Frage politischer Prioritäten. Während soziale Projekte um ihre Finanzierung kämpfen, Beratungsangebote gekürzt werden, Stellen unbesetzt bleiben und Träger der Jugendhilfe um ihre Zukunft bangen, sollen für dieses Projekt immer weitere Millionen bereitgestellt werden. Gleichzeitig lebt ein wachsender Teil der Menschen in Essen in Armut oder ist von Armut bedroht. Immer mehr Menschen in Essen kämpfen darum, über die Runden zu kommen. Familien wissen nicht, wie sie Miete, Energie und Lebensmittel bezahlen sollen, notwendige Gesundheitsleistungen werden aus finanzieller Not heraus nicht in Anspruch genommen, und die Tafeln verzeichnen einen anhaltenden Zulauf. Für viele Menschen ist Armut längst keine abstrakte Statistik mehr, sondern bittere Realität.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht vermittelbar, dass die Stadt bereit ist, immer mehr Geld in den Ausbau eines Stadions zu investieren, und das für ein Projekt, dessen Notwendigkeit bereits bei der ursprünglichen Beschlussfassung mehr als fragwürdig war. Noch weniger vermittelbar ist es, wenn gleichzeitig soziale Angebote unter Finanzierungsvorbehalt stehen und Rot-Weiss Essen bis heute keinen glaubhaften Bruch mit Rassismus und rechten Strukturen in Teilen seines Umfelds vollzogen hat. Eine Stadt, die soziale Angebote kürzt, Armut wachsen lässt und gleichzeitig Millionen für Prestigeprojekte bereitstellt, sendet ein fatales
Signal. „Es vermittelt den Eindruck, dass Beton wichtiger ist als Menschen, Prestige wichtiger als soziale Sicherheit und die Bedürfnisse derjenigen, die täglich mit Armut, Ausgrenzung und fehlender Unterstützung kämpfen, nachrangig sind“, erklärt Liesa Schulz abschließend.
Wir sind der Auffassung, dass kommunale Politik genau das Gegenteil tun muss. In einer Stadt, in der Armut, soziale Spaltung und gesellschaftliche Unsicherheit zunehmen, muss jeder verfügbare Euro zuerst den Menschen zugutekommen, nicht einem Stadionausbau, dessen Notwendigkeit bereits bei der Beschlussfassung mehr als fragwürdig war
